In Zeiten, in denen immer wieder gewarnt wird vor den Gefahren, die unserem Körper durch ein Zuviel an Industriezucker drohen, ist es fast schon bedenklich, ein Buch mit süßen Köstlichkeiten auf den Markt zu bringen. Es sei denn, es handelt sich um eine Besonderheit, wie das hier vorliegende Werk, das einen lobenswerten Beitrag zur Kulturgeschichte kulinarischen Könnens in Osteuropa liefert. Solche Speisen erfordern beim Herstellen nicht zuletzt viel handwerkliches Wissen und auch Zeit. Deshalb sind sie Highlights für besondere Anlässe und dürfen dann auch entspannt genossen werden. Soweit die Absolution.
Irena Georgescu, die Autorin dieses lesenswerten Buches ist in Bukarest geboren und aufgewachsen. Sie lebt in Großbritannien und erteilt dort Kochunterricht. Ihr Buch enthält neben Rezepten von landestypischen Süßspeisen, eine Fülle von Informationen zu den Regionen, woher die Speisen stammen, zudem Infos zu den jeweiligen Wurzeln der Köstlichkeiten als auch beeindruckende Fotos von Land, Leuten und den Rezeptergebnissen.
10 Kapitel und 8 erhellende Textbeiträge warten auf die Leser. Vorangestellt ist die Einleitung, in der die Autorin erwähnt, dass sie sich auf sechs der zahlreichen Bevölkerungsgruppen Rumäniens beschränkt habe, um deren Traditionsrezepte mitsamt Bräuchen und deren Geschichten zu beschreiben.
Sie erwähnt weiter in der Einleitung Näheres zur rumänischen Landesküche und nennt die drei historischen Regionen Rumäniens, die es jahrhundertelang gab: die Walachei, Moldau und Siebenbürgen, inklusive des Banat. Die rumänische Küche ließe sich allerdings nicht auf ihre Landesgrenzen beschränken, denn sie sei auch geprägt durch Bevölkerungsgruppen wie etwa Ungarn, Armenier, Juden, Ukrainer, Bulgaren, Deutsche etc.
Die Autorin stellt zunächst typische Zutaten vor und zwar im Hinblick auf Gewürze, Blüten und Kräuter, Mus und Marmelade, Milchprodukte, Äpfel, Rum und Nüsse. Vielleicht dies nur: Neben Quark zählen Äpfel in der rumänischen Küche zu den Lieblingen von Kuchenbelägen und Füllungen.
Im ersten Kapitel dann werden Rezepte für "Kekse und Plätzchen" vorgestellt. "Bad Ischler Törtchen", waren übrigens Lieblingskekse von Kaiser Franz Joseph, wenn er sich zur Kur in Bad Ischl aufhielt.
Im dann folgenden Textbeitrag erfährt man mehr über die "Siebenbürger Szekler" und deren Honiglebkuchen. Dazu gibt es dann das Rezept hierfür. Ein anderes Rezept für "Schwäbsche Mandelplätzchen" stammt von den Banater Schwaben im Westen Rumäniens und sollen als Gastgeschenke für Hochzeiten einst sehr beliebt gewesen sein.
Im 2. Kapitel dann geht es um "Gedeckte Kuchen und Fladenbrote". Der Rezeptreigen nimmt hier den Anfang mit einem der beliebtesten Kuchen Rumäniens, dem "Gedeckten Apfel-Walnuss-Kuchen". Er sieht nicht nur sehr appetitanregend aus, sondern beeindruckt auch durch seine Zutaten. Hier zu widerstehen, scheint mir unmöglich.
Bemerkenswert auch ist die "Moldauische Schichttorte mit Hanfcreme". Es handelt sich um eine Schichttorte aus Fladenbroten mit einer ungewöhnlichen Füllung.
In dem Textbeitrag im Rahmen des Kapitels 2 geht es um die "Siebenbürger Sachsen" und ihre Geschichte. Kulinarisch wird hier mit dem "Sächsischen Pflaumen-Hanklich" aufgewartet. Was man darunter zu verstehen hat, erfahren Sie auf Seite 70.
Im Kapitel 3 folgt "Hefegebäck". Zunächst lernt man hier "Rumänische Hefezöpfe mit Walnüssen und Sultaninen" kennen. Das ist ein Festtagsgebäck, das gewiss einige Tage frisch bleibt. Interessant auch die "Moldauischen Quarktaschen", in deren Füllung Grieß eine Rolle spielt. Im Textbeitrag von Kapitel 2 erfährt man dann mehr über die "Banater Schwaben". In der einstigen banatschwäbischen Kultur sollen Hochzeitsköchinnen zu den angesehensten Personen innerhalb der Gemeinde gezählt haben. Die Banatschwaben sollen "Rohrnudeln" als Leckerei besonders zu lieben. Diese Buchteln kennt man ja auch aus Böhmen. Irena Georgescu verfeinert die Vanillesauce in dem Rezept für "Rohrnudeln" mit Ingwer, weil er in der rumänischen Küche sehr beliebt ist.
Kapitel 4 dann ist dem "Strudel, Tartes und gefülltem Gebäck" gewidmet. Die Autorin verwendet für dieses Buch zwei unterschiedliche Rezepte ihrer Großmutter mütterlicherseits. Der "Siebenbürger Kirschstrudel" überzeugt jeden noch so verwöhnten Gaumen.
Der Textbeitrag in diesem Kapitel befasst sich mit der "Granatapfelblüte im armenischen Viertel" in der Hauptstadt Bukarest. Dabei sind es die Granatapfelbäume, die für die Armenier eine wichtige Bedeutung für ihre kulturelle Identität symbolisieren. Interessant auch sind die Anmerkungen zum armenischen Kaffeehandel. Als Rezept angefügt ist die "Armenische Baklava mit Granatapfelsirup". Eine besonders süße Süßspeise.
Dann folgen in Kapitel 5 "Crêpes, Knödel, Nudeln und Getreidespeisen". Diesmal ohne Textbeitrag. Dafür aber mit Wahnsinnsrezepten, bei denen gewiss nicht nur Kinder ausflippen. Hervorheben möchte ich die "Crêpes mit Apfelsaft-Rosmarin-Sauce", die allerdings kein Gericht für Kinder darstellen, weil Calvados eine Rolle spielt. Für Kinder ist eher der "Grießschmarrn mit Erdbeeren" geeignet.
In Kapitel 6 dann entdeckt man wieder einen Textbeitrag. Diesmal über die "Siebenbürger Magyaren". Die Rezepte dieses Kapitels sind den "Krapfen und dem Schmalzgebäck" gewidmet. Zucker und gesättigte Fettsäuren satt, aber hallo! Hier hilft nur körperliches Tun, um ohne Reue genießen zu können, so etwa "Räderkuchen mit Vanilleglasur" oder "Langos mit gedünsteten Pflaumen und saurer Sahne".
Dann lernt man in Kapitel 7 "Biskuit und Mürbeteigkuchen " kennen. Im Textbeitrag geht es um "Baron von Brukenthal", einst Gouverneur von Siebenbürgen.
Hervorheben möchte ich hier den "Zitronenkuchen". Das ist ein hausgemachter rumänischer Buttercremekuchen, der in kleinen Stücken serviert wird und sehr edel ausschaut.
In Kapitel 8 schließlich dann geht es um "Torten und nostalgisches Konditoreigebäck", auch hier wird auf einen Textbeitrag verzichtet. Dafür aber eine Fülle köstlicher Rezepte geboten, beginnend mit "Windbeutel mit Kaffeesahne" und endend mit einer "Vanille-Mokka-Torte mit Walnüssen" . Das Wort Kalorien ist logischerweise tabu, sowohl beim Lesen, Backen als auch beim Essen.
Kapitel 9 befasst sich mit "gluten- oder laktosefreien Rezepten", Der beigefügte Textbeitrag hat das Thema "Zu Tisch bei der rumänischen Aristokratie". Zwei der Rezepte in diesem Kapitel sind von den einst königlichen Menüs inspiriert worden, so etwa das "Aprikosen-Minz-Sorbet"
Dann noch Kapitel 10 mit dem spannenden Textbeitrag über die "jüdischen Kaufleute in Ostrumänien". In den Rezepten geht es um Süße Snacks und Mitbringsel. Interessant finde ich hier das Rezept für "Honignugat mit Walnüssen und Wildfenchelsamen".
Alle Rezepte sind bestens erläutert. Lesen, sich das Gelesene bewusst machen und dann erst starten...
Etwas für einen geschulten Gaumen, der Osteuropa schmecken möchte. Ein Muss für alle, die kulinarisch über den Tellerrand hinausblicken möchten.
Maximal empfehlenswert
Helga König
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